über_brücken – 5 Jahre sind genug

Im Jahr 2021 hat die Bundesregierung Menschen, die sich an der Seite Deutschlands für Demokratie und Menschenrechte in Afghanistan eingesetzt haben, die Aufnahme versprochen, um sie vor dem Gender-Apartheid-Regime der Taliban zu schützen. Doch noch immer warten etwa 700 Menschen auf die Einlösung dieses Versprechens. Der von Unsicherheit, Gewalterfahrungen und permanentem Warten geprägte Zwischenzustand ist für die Betroffenen längst zu einem Dauerzustand geworden.

Der Grund: Die Bundesregierung steht nicht zu ihrem Wort. Anstatt ihr Versprechen einzulösen, mauert sie, setzt Einreiseverfahren aus, entzieht Aufnahmeerklärungen und lässt die Menschen im Stich. Gleichzeitig kooperiert sie mit dem Taliban-Regime seit Juli 2025 bei Abschiebungen. Ein Affront gegenüber den ehemaligen Verbündeten!

Anlässlich des 5. Jahrestages der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan machen wir einen Brückenschlag der besonderen Art. In direkter Nähe zur East Side Gallery bringen wir das Werk der afghanischen Künstlerin Reha (Name aus Sicherheitsgründen geändert), die in Afghanistan lebt, als Wandbild in die Öffentlichkeit.

In direkter Nähe zur East Side Gallery entsteht das Werk „Gomshodeh“ (auf Deutsch Verlust) der afghanischen Künstlerin Reha als Wandbild. Umgesetzt von Anne Bengard aus Berlin.

Im Rahmen dieses Brückenschlags bringen wir zwei Künstlerinnen in einer Kooperation zusammen, um gemeinsam das Signal zu senden, dass Kunst, wie auch Ideen, Wünsche, Hoffnung und Solidarität, keine Grenzen kennt.

Mit ihrem Werk „Gomshodeh“ (auf Deutsch Verlust) drückt Reha aus, dass etwas verloren gegangen ist und stellt die Frage, was genau das ist. Ist es Empathie und gegenseitige Akzeptanz? Ist es die Verbindung zwischen den Menschen? Ist es der Glaube an eine Welt in Frieden? Die Antwort, so Reha, überlässt sie den Betrachter:innen.

Die Augen stehen für die unsichtbaren Bindungen zwischen uns. Sie bergen unausgesprochene Erinnerungen, Schmerz, Trauma, Angst und stille Sorgen. Jeder Blick trägt die Geschichte eines Lebens in sich. So wie eine afghanische Frau, die ihr auferlegten Lasten und Einschränkungen trägt, trägt jede Frau oder jeder Mensch überall auf der Welt die eigenen Wunden mit sich. Auch wenn sich das Leid unterscheidet, das Gefühl ist universell.

Gleichzeitig gewähren die Augen nicht nur Einblick in die Geschichten einzelner Leben, sie beobachten auch. Sie sehen all das Leid, aber bleiben nur Zeugen. Seit Jahren werden afghanischen Mädchen ihre Grundrechte verwehrt, während die Welt weiterhin zusieht. Was bleibt ist die Hoffnung, dass der Vorhang endlich beiseite gezogen wird und dass auf den noch verborgenen Schmerz und die stille Klage hinter dem Vorhang endlich reagiert wird.

Reha ist Künstlerin und Aktivistin aus Kabul. Mit ihren Bildern über den weiblichen Körper wirft sie Fragen zu Selbstbestimmung auf und brach bereits vor der Rückkehr der Taliban mit Tabus. Seit der Machtübernahme der Taliban wurden ihre Gemälde aus Ausstellungen und Galerien entfernt, von den Taliban beschlagnahmt und zerstört. Trotz eines Malverbots, konkreter Drohungen und dem ständigen Risiko, verhaftet zu werden, hat sie nicht aufgehört. Reha ist ein Pseudonym. Auf Dari bedeutet es „Freiheit“.

„Reha is not merely an artistic name for me; it is a wish – a wish for the day when our world is truly free. A day when I can stand before others not beneath a hidden name, but beneath my own true name: as a free artist, and as a free human being.“

Indem wir ihre Kunst nach Berlin bringen, zeigen wir, wie Kunst Grenzen überbrückt, die Menschen wie Reha selbst verschlossen bleiben. So tragen wir ihre Stimme, die auf die Lage der Frauen und Mädchen in Afghanistan aufmerksam macht, in die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland.

Unterstützt werden wir dabei von Anne. Anne Bengard, Künstlerin aus Berlin, erklärt sich selbst zum „Sprachrohr“ von Reha und setzt ihr Werk „Gomshodeh“ für alle sichtbar um.

„Es ist für mich unvorstellbar als Frau so eingeschränkt leben zu müssen wie Reha. Gerade deshalb muss ihre Kunst und ihre Vision sichtbar sein!“

Anne wurde in Leipzig geboren, wuchs in England auf und studierte in London. Seit 2014 lebt sie in Berlin und arbeitet als Freischaffende Künstlerin.

© Paul Lovis Wagner

Am 15. August um 16 Uhr findet zur Fertigstellung des Murals eine Kundgebung statt. Zusammen setzen wir uns für eine glaubwürdige und menschenrechtsbasierte Politik ein und wenden uns klar gegen staatliche Willkür sowie die Normalisierung eines Regimes, das Frauen, Mädchen und weitere schutzbedürftige Gruppen systematisch unterdrückt.

Das Wandgemälde kann in den kommenden Wochen und Monaten am Warschauer Platz 18 besichtigt werden.

Überbrückt mit uns!

Doch wir überbrücken nicht nur mit Kunst Grenzen, die verschlossen bleiben. Seit 5 Jahren überbrücken wir an der Seite der Betroffenen, den Wortbruch der Bundesregierung mit rechtlichen Mitteln und Desinformation und Distanz mit tatsächlichen Zahlen, Fakten und den Geschichten der Betroffenen.

Denn wir entlassen die Bundesregierung nicht aus der Verantwortung – im Gegenteil: Unsere Brücken sind unnachgiebig und standhaft. Und das sind wir auch.

Gemeinsam mit Euch wenden wir uns an die Bundesregierung und fordern sie auf:

● Setzen Sie die Visa- und Einreiseverfahren für die Menschen in den Aufnahmeprogrammen fort.

● Stellen Sie die Zusammenarbeit mit dem Taliban-Regime zu Abschiebungen ein.

● Richten Sie Ihr Handeln gegenüber Afghanistan am Schutz der Menschen- und Frauenrechte und der Rechtsstaatlichkeit aus.


Wie das Ganze funktioniert? Mit unserer Postkarten-Aktion!

In den nächsten Wochen noch einmal mit Nachdruck die Dringlichkeit unseres Anliegens verdeutlichen. Jede eingehende Postkarte ist eine Mahnung, die Einreiseverfahren für die noch etwa 700 wartenden Menschen endlich fortzusetzen – fünf Jahre sind genug!

Update: Postkarten-Aktion beendet

WOW, vielen Dank für eure großartige Unterstützung und Teilnahme an unserer Postkarten-Aktion. Ihr habt alle unsere Erwartungen übertroffen!

Insgesamt haben wir 26.804 Postkarten an euch verschickt. Wenn allein die Hälfte davon im Bundeskanzleramt eingegangen ist oder noch eingeht, ist die Aktion ein riesiger Erfolg!

Alle, die sich auf der Warteliste eingetragen haben, bekommen ihre Postkarten in den kommenden Tagen zugeschickt.

Selbstverständlich könnt ihr die Postkarten auch über den 15. August hinaus an das Bundeskanzleramt schicken. Menschenrechte haben schließlich kein Verfallsdatum!

Damit ist die Warteliste geschlossen und die Aktion offiziell beendet. Ihr könnt weiterhin für die Aktion spenden, denn noch haben wir die 10.000 Euro noch nicht ganz zusammen. Wir sind zuversichtlich: Das schaffen wir auch noch!

WAS IHR NOCH TUN KÖNNT?

Wenn ihr nicht nur gut im Postkarten verschicken seid, sondern auch unsere Arbeit mit einer Spende unterstützen möchtet, könnt ihr das hier tun:

Die Betreuung der afghanischen Künstler:innen erfolgt in
Kooperation mit Freedom Canvas Initiative.